»In der Entscheidung gibt es keine Umwege«

Adolf Reichwein
 


Adolf Reichwein 
1898-1944

 

 

"Es müssen entscheidende Schritte unternommen werden, um das deutsche Volk und die europäische Kultur zu retten. Es ist tragisch, zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne. Wir werden auch bestenfalls kein eigenes Leben mehr haben, das werden wir unseren Kindern und der Zukunft des Deutschen Volkes zum Opfer bringen müssen. Doch um dieser Zukunft willen muß es sein. Es ist schon sehr, sehr spät, aber noch nicht zu spät."
 
 

Adolf Reichwein, Ende Juni 1944, zitiert von Alfred Valdmanis 
- Originaldokument im Reichwein-Archiv.
Adolf Reichwein entwickelte und erprobte in reformpädagogischen Modellen, ebenso wie in der Arbeiter- und Lehrerbildung, neue und richtungsweisende Bildungsformen. 
Er glaubte an die gesellschaftsverändernde Kraft dieser Bildungsarbeit und starb für seine politischen und pädagogischen Überzeugungen.
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Geboren 1898 in Bad Ems. Als Sohn einer sozialdemokratischen  Lehrerfamilie wächst er im hessischen Ober-Rosbach bei Friedberg auf. Wesentliche Prägungen erhält er durch die schulische Arbeit seines Vaters, die "Wandervogelbewegung" und seine Erlebnisse an der Ost- und Westfront im Ersten Weltkrieg. 

Noch während des Kriegseinsatzes erkennt er unter dem Eindruck seiner Erlebnisse und erster Beschäftigung mit den Ideen Grundtvigs, daß im Nachkriegsdeutschland soziale Umwälzungen auf der Grundlage umfassender reformierter Volksbildung notwendig sein würden und setzt diese Überzeugung in unterschiedlichen beruflichen Aufgaben konsequent als Erwachsenenbildner und Reformpädagoge bis in die Zeit des nationalsozialistischen Regimes um. In den nur rund zwanzig Jahren seines beruflichen Wirkens wird Adolf Reichwein zu einer der führenden Persönlichkeiten der deutschen Erwachsenenbildung. Seine Veröffentlichungen  "Das Schaffende Schulvolk" und "Film in der Landschule" zählen noch heute zu den Standardwerken der späten Reformpädagogik bezw. der Medienpädagogik.

Reichwein gehört  zum Freundeskreis um Helmuth James v. Moltke und beteiligt sich seit Ende den dreißiger Jahre  an zahlreichen Gesprächen und zwei offiziellen Treffen des "Kreisauer Kreises", verantwortlich für das kulturpolitische Programm dieser Widerstandsgruppe.

Am 4. Juli 1944 wird Reichwein durch die Gestapo verhaftet, am 20. Oktober 1944  vom "Volksgerichtshof" in einem Schauprozeß zum Tode verurteilt und am gleichen Tag in Berlin - Plötzensee hingerichtet.


 
 
 Adolf Reichwein: Ein Lebensweg in Daten:
 
1898 Adolf Reichwein wird am 3. Oktober in Bad Ems, Bleichstr. 12,  als erstes Kind des Volksschullehrers Karl Gottfried Reichwein und seiner Frau Anna Maria geboren. Jüngere Geschwister: Klara ("Kläre",* 1900)  und Richard (*1902). Die Vorfahren Karl Gottfried Reichweins waren Bauern aus dem Westerwald.   
1904 Karl Gottfried Reichwein siedelt mit seiner Familie aus der politischen Enge des wilhelminischen Nobelbades  nach Ober-Rosbach v.d.H. um. Hier hofft der Sozialdemokrat, seine reformpädagogisch geprägte, von Pestalozzi inspirierte Schularbeit besser verwirklichen zu können. Seine Schule ist eine einklassige Volksschule und neben seiner Schularbeit spielt der Lehrer auch die Orgel in der wenige Schritte vom Schulhaus entfernten Kirche des Ortes. Adolf ist Schüler seines Vaters und wird so frühzeitig mit fortschrittlicher Schularbeit vertraut. Er hilft seinem Vater bald bei schulischen Aktivitäten und vertritt ihn sogar, als dieser später zum Kriegsdienst eingezogen wird.
Reichwein wird wesentlich geprägt durch den frühen Kontakt mit der Jugendbewegung, insbesondere der  Wandervogelbewegung, die in ihrem Streben weg von bürgerlichen und überkommenen Lebensformen Gemeinsamkeiten mit der Reformpädagogik aufweist. Bereits 1906, als Achtjähriger, kommt er zu den Wandervögeln und deren Ideale werden sein ganzes Leben und Wirken begleiten. Er wird 1911 offziell Mitglied in der Ortsgruppe Friedberg und leitet bereits 1913 kleinere Ausflüge. Schon 1916 wird der Schüler als "Führer" der Gruppe verzeichnet. Treffpunkt der Wandervogelgruppe ist das "Nest" im Torturm der Burg Friedberg.
 
1909 Ab Ostern 1909 besucht er die Realschule in Friedberg(heute: Augustinerschule) bis zur Mittleren Reife. Realschulen waren zu dieser Zeit ein neuer Schultyp, gegenüber dem bis dahin üblichen humanistischen Gymnasium.   
1914 Reichwein verläßt am 14. März die Realschule und wird Schüler der Oberrealschule in Bad Nauheim. Im Frühsommer führt er eine Wandervogelgruppe nach Hamburg und Helgoland, im Juli nach Holland.
Er meldet sich als Kriegsfreiwilliger, wird aber wegen seines jugendlichen Alters zurückgestellt.
 
1915 Abschluß der Schulausbildung mit der Primareife am 9. März. Autodidaktische Vorbereitung auf das Abitur.  
1916 Reichwein meldet sich erneut als Kriegsfreiwilliger und absolviert eine Kriegsausbildung von November bis Ende März 1917. Am 16. November wird er eingezogen  
1917 Externen-Reifeprüfung am 9. Februar an der Oberrealschule in Friedberg, anschließend Kriegseinsatz, ab 1. April zunächst in Polen. Seine Abordnung ab Mai nach Frankreich wird erst  ab 1. August umgesetzt, da er wegen Verdachts auf Diphterie bis Ende Juni im Lazarett verbringt.  Zunächst in der Etappe der 7. Kompanie des Res. Inf. Reg. 80 in der Nähe von Menil Lepinois/ Champagne. Im Oktober verlegt nach Laon. Bereits am 5. Dezember wird er bei Cambrai, vor Moeuvres, beim Sturm auf die "Siegfriedsstellungen"  und nur 14 Tage nach der verheerenden Panzerschlacht,  als Gefreiter und Führer eines Stoßtrupps   schwer verwundet. Sein Freund Ernst Fraenkel, der später als Jurist und Politologe bekannt wurde, rettete ihm das Leben.
 

1918 Noch im Lazarett, immatrikuliert sich Reichwein an der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt am Main, um ein Studium Generale ( in den Fächern Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Nationalökonomie) zu beginnen. Er studiert u.a. , (wie Ernst Fraenkel und Carlo Schmid), bei Hugo Sinzheimer  ("Vater des Arbeitsrechts" und Begründer der  von Eugen Rosenstock-Huessy geleitete Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt am Main) und  (wie Ludwig Erhard) bei Franz Oppenheimer  (dem Schöpfer des  „liberalen Sozialismus“). Sein Ziel ist die Arbeit in der Erwachsenenbildung, denn er erkennt, daß im Nachkriegsdeutschland soziale Reformen notwendig sein würden, die auf einer grundlegenden Reform der Volksbildung basieren mußten. Er studiert vier Semester und zwei Frühjahrs-Zwischensemester für Kriegsteilnehmer.  
1919 Am 1. Februar endgültige Entlassung aus dem Lazarett.  Im April Besuch eines Volkshochschulkurses in Darmstadt, wo er die Methode der "Arbeitsgemeinschaften" kennenlernt. 
Pfingsten Teilnahme an der von Martin Buber initiierten Tagung "Erneuerung des Bildungswesens" in Heppenheim" Hier bereits Bekanntschaft mit Robert v. Erdberg.
In den Sommersemesterferien arbeitet Reichwein als Grubenarbeiter im Ober-Rosbacher Bergwerk.
 
1920 Er verläßt die Frankfurter Universität und immatrikuliert sich im Mai in Marburg, wo er  zwei Semester studiert. Prominente Lehrer hier sind  Paul Natorp und Nicolai Hartmann  und der Historiker,Literaturkritiker und Stefan-George-Anhänger Friedrich Wolters.
Reichwein  ist aktives Mitglied der jugendbewegt und hochschulreformerisch orientierten studentischen "Akademischen Vereinigung Marburg", in der viele ehemalige Wandervögel  mitwirken. Freundschaft mit Robert v. Erdberg und Hannes Bohnenkamp. Er heiratet Eva Hillmann, die er in der Frankfurter Wandervogelgruppe Sachsenhausen kennengelernt hat.
 
1921 Abschluß des Studiums im März, mündliche Doktorprüfung im Mai. Thema seiner Dissertation: "China und Europa im 18. Jahrhundert". Im August/September leitet er eine vierwöchentliche Arbeitsgemeinschaft von Studenten und Jungarbeitern in Bodenrod, zu der er in einem Aufruf in der Zeitschrift der AVM "Ockershäuser Blätter". Er wird durch seine Berichte über diese Veranstaltung in Fachpublikationen erstmals in Kreisen der Erwachsenenbildung  bekannt. Anschließend wird er auf Anregung Robert von Erdbergs Geschäftsführer des Ausschusses der deutschen Volksbildungsvereinigungen in Berlin. Er hat dieses Amt bis März 1923 inne.
Mitarbeit bei der von Hermann Hesse herausgegebenen Zeitschrift "Vivos Voco".
1922 Reisen nach Ost- und Westpreußen, Aktivitäten für  Jugendschutzgesetze und gegen die sog. "Schundliteratur". 
1923 Im Februar Promotion zum Dr. Phil. in Marburg, dann Geschäftsführer der Mittelstelle Nord-Ost des "Deutschen Zentralausschusses für Auslandshilfe, Ausschuß für Kinderspeisung" (Quäker-Speisung) in Berlin. Seine Dissertation erscheint als Verlagsveröffentlichung. Seit Juli Mitarbeiter der "Sozialistischen Monatshefte". Im Oktober geht er nach Jena und wird (auf Vorschlag von Wilhelm Flitner) Geschäftsführer der überörtlichen Koordinierungsstelle  "Volkshochschule Thüringen". Geplante Übernahme der Schriftleitung von "Vicos voco" kommt nicht zustande. Sein Einsatz gilt der Bildung der jungen Arbeiterschaft, er organisiert Tagungen und Treffen zur Weiterbildung von Volkshochschul- und Berufsschullehrern. Kontakt mit Romano Guardini. Geburt seines Sohnes Gert.
 


 

1924 Veröffentlichung "Rohstoffe der Erde im Bereiche der Wirtschaft"
1925  Im März erkrankt Reichwein schwer an Diphterie und wird zu einer mehrwöchentlichen Unterbrechung seiner Arbeit gezwungen.

Sein Sohn stirbt im September durch einen Unfall. 

Ab 1. Oktober leitet Adolf Reichwein die 1919 von Wilhelm Flitner gegründete Volkshochschule in Jena, die bereits zu Flitners Zeit  von der Carl-Zeiss-Stiftung unterstützt wurde. 70% der 2.000-3.000 Kursteilnehmer im Jahr stammen aus der Industriearbeiterschaft. Reichwein nutzt die Möglichkeiten der  Volks- und Arbeiterbildung. Er ersetzt  Vorträge durch Arbeitsgemeinschaften in kleineren Gruppen,  verlagert den Schwerpunkt der Kurse auf aktuelle und wirtschaftliche Fragen. "Probleme des Achtstundentages", "Genossenschaftswesen" und "Wirtschaftsdemokratie" sind bevorzugte Themen. Für die proletarische Arbeiterjugend fühlt sich Reichwein besonders verantwortlich und veranstaltet jeden Samstag sportliche Übungen - er bringt ihnen das noch relativ unbekannte Schlittschuhlaufen bei - mit anschließenden Seminaren zur Wirtschaft Mitteldeutschlands. Die Einheit von Lernen,  Arbeit, Leben und Erleben, ein Konzept, das Reichweins gesamtes Leben begleitet, kommt in ihren Grundlagen bereits aus der Wandervogelbewegung, wie auch das Einbinden musischer und sportlicher Elemente. Das wird hier in Jena von Reichwein in die Praxis umgesetzt. Er wird dieser Linie später in Halle, ebenso wie in Tiefensee und als Museumspädagoge, weiter konsequent folgen.

Adolf Reichwein lernt in seiner Jenaer Zeit nicht nur den Reformpädagogen Peter Petersen ("Jena-Plan") kennen, sondern auch Otto Haase (später Leiter der Pädagogischen Akademien Frankfurt/Oder und Elbing), durch den er mit der Unterrichtsform des "Vorhabens" vertraut wird. 

1926 Im Frühjahr trennen sich Eva und Adolf Reichwein.
Er gründet mit Hilfe der Carl-Zeiss-Stiftung das Jungarbeiterwohnheim am Beuthenberg, dessen Leiter er wird. Gemeinsam mit 12 Jungarbeitern wird er Bewohner des Hauses. Erster Heimlehrgang bis 1927 mit dem Abschluß einer Englandfahrt, die von seinem Vertreter begleitet wird, da Reichwein selbst eine Forschungsreise unternimmt. 
Er bereist im Mai/Juni für vier Wochen England und bricht danach, im Juli zu einer einjährigen Forschungsreise auf.
Diese Weltreise, z.T. finanziert von der "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft" (heute DFG), sollte wissenschaftlichen Zwecken dienen, etwa der Vertiefung seiner weltwirtschaftlichen Studien. Die Reise beginnt Mitte August in New York, ausgerüstet mit einem eigens zu diesem Zweck umgebauten Ford Modell T. Er durchquert die USA von der Ost- bis zur Westküste und kommt schließlich trotz zweier schwerer Autounfälle in Seattle an, bereist dann Westkanada und Alaska. 

Im Dezember 1926 ist er wieder in Seattle zurück, heuert als Matrose auf einem amerikanischen Passagierschiff an, das in Richtung  Ostasien ausläuft und Reichwein nach Japan, China und auf die die Philippinen führt. 
 

1927 Nach einen Abstecher nach Kalifornien und Mexico kehrt Reichweinr im Juni 1927 nach Jena zurück und übernimmt wieder die Leitung der Volkshochschule und des Volksschulheimes. Der zweite Lehrgang am Volksschulheim beginnt im August. 

Seine Ehe wird im November geschieden. 

1928 Abschlußfahrt mit den Teilnehmern des zweiten Lehrgangs  durch Dänemark und Skandinavien mit abenteuerlichem Höhepunkt in Lappland, später Anlaß zweier Bücher ("Hungermarsch durch Lappland -1941" und "Wir sind jung und die Welt ist schön -1993"). Nach der Rückkehr Flugausbildung in Leipzig-Schkeuditz und Kauf eines Sportflugzeuges. Mit der Klemm 25macht Reichwein bis 1933 zahlreiche abenteuerliche Flüge, der "fliegende Professor" benutzt sie aber auch, um als Referent schnell zu Tagungen gelangen zu können. Veröffentlichung seines wissenschaftlichen Hauptwerkes "Die Rohstoffwirtschaft der Erde" auf der Grundlage seiner Forschungsreise 1926/27. Er nimmt an den in den Jahren 1928 - 30  von Rosenstock- Huessyveranstalteten Löwenberger "Arbeitslagern" teil, wo er auch einige Freunde kennenlernt, die später zum "Kreisauer Kreis" gehören werden (Moltke, von Trotha, von Einsiedel)
Reichwein wird als "Scout" für die amerikanische Abraham-Lincoln-Stiftung tätig, die 1927 mit amerikanischen Finanzmitteln (Rockefeller) gegründet wurde und bis 1934 bestand und junge deutsche Wissenschaftler förderte. Weitere Informationen hier.
1929 Reichwein siedelt nach Berlin über. Er bleibt noch bis zum Sommer Leiter der Volkshochschule in Jena, wird aber bereits im März wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. Er übernimmt die Leitung der Pressestelle und ist ab April persönlicher Referent des Ministers Carl Heinrich Becker (1876-1933). Mitwirkung am Aufbau der neu enstehenden "Pädagogischen Akademien", die zur Ausbildung von Volkshochschullehrern gegründet werden.
Seit Jahresende Mitarbeit bei der von Paul Tillich und Fritz Klatt herausgegebenen Zeitschrift "Neue Blätter für den Sozialismus".
1930 Im Januar muß Becker vom Amt zurücktreten. Reichwein reicht seinen Rücktritt ein und scheidet im März aus dem Ministerium aus. Ab April Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an der Pädagogischen Akademie Halle. In diesem Gebäude befindet sich heute das Thomas-Müntzer-Gymnasium. Reichwein wird im Oktober Mitglied der Sozialdemokratischen Partei.  Veröffentlichung "Blitzlicht über Amerika", "Erlebnisse mit Tieren und Menschen ..." und "Mexiko erwacht". 

1932 Reichwein engagiert sich für die Umwandlung der "Neuen Blätter für den Sozialismus" zur "Sozialistischen Aktion"
1933 Er heiratet seine Kollegin Rosemarie Pallat am 1. April.

Am 24. April wird er durch den neuen nationalsozialistischen Kultusminister Rust mit sofortiger Wirkung als "unerwünschter Hochschullehrer" beurlaubt ("Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums") Die "rote Akademie" in Halle wird Anfang April von den Nationalsizialisten geschlossen.Er bewirbt sich auf eine Professur für Wirtschaftsgeographie an der Emigranten-Hochschule in Istanbul. Der Mitbewerber Alexander Rüstow wird ihm vorgezogen. So entschließt sich Reichwein zum Bleiben und wird auf seinen Wunsch am 1. Oktober als Volksschullehrer an die einklassige evangelische Landschule nach Tiefensee bei Berlin versetzt. Sein Flugzeug meldet er in diesem Jahr wieder ab, als er das Hakenkreuz auf den Tragflächen hätte anbringen müssen.

Reichwein beginnt nun seine sechsjährige reformpädagogische Arbeit. Das "Schulmodell Tiefensee" läßt die dreißig Kinder der kleinen Gemeinde bislang unbekannte, motivierenden Formen des Unterrichts erleben. Er greift die Grunlinien Pestalozzis, die er bereits in der Schule seines Vaters kennengelernt hat auf und entwickelt sie hier in Tiefensee weiter. Reichwein lehrt seine Kinder in Arbeitsgruppen die Welt durch Anschauung und Begreifen zu verstehen, durch das selbständige Erschaffen und Benutzen von ihnen bisher nur vom Sehen her vertrauter Gegenstände. Anhand gemeinsam gebauter Modelle und in Versuchen, bei Arbeiten im Schulgarten, auf Streifzügen durch die Landschaft rund um Tiefensee, auf Ferienfahrten, durch Museumsbesuche und bei Werks- und Betriebsbesichtigungen. Kein Unterricht aus Schulbüchern, sondern Lernen durch Erleben der Praxis, Mitwirken und aktives Schaffen. Er verbindet dieses durch vielfältige gemeinsame musische Betätigungen, die an seine Wandervogelzeit anknüpfen und beteiligt die Kinder an dörflichen Aktivitäten. Die Nazis bemerken nicht, dass Reichwein seine Schüler nicht im Geiste des Nationalsozialismus erzieht, zumal seine bei deutschen Volksbildnern übliche völkische Sprache seine tatsächliche Gesinnung kaschiert.


 

1934 Geburt seiner Tochter Renate. Seine Schule wird zur Versuchsschule der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm erklärt.  
1935 Endgültige Anstellung in Tiefensee. Berufung zum Beamten auf Lebenszeit.
1936 Geburt seines Sohnes Roland
1937 Reichwein veröffentlicht sein schulpädagogisches Hauptwerk "Schaffendes Schulvolk" und "Film in der Landschule" , letzteres mit finanzieller Unterstützung der Reichsstelle.
1938 Geburt seiner Tochter Kathrin. Es bildet sich ein Freundeskreis um Hellmuth James von Moltke, der sich darüber austauschen will, wie der deutsche Staat und seine Regierung nach Hitler aussehen müßte. Den Kontakt zu Reichwein knüpfte Horst von Einsiedel. Vierwöchige  Vortragsreise nach England auf Einladung seines Freundes Rolf Gardiner mit Unterkunft auf dessen Farm Springhead, Fontmell Magna /Dorset. Reichwein referiert in England über das Thema "Ländliches Erziehungswesen in Deutschland".  
1939 Reichwein lässt sich im Mai an die Staatlichen Museen Berlin beurlauben und übernimmt das Ressort "Schule und Museum" am Staatlichen Museum für deutsche Volkskunde, im damaligen "Prinzessinnenpalais" unter den Linden beheimatet. Er entwickelt und organisiert vier große Schulausstellungen zu handwerklichen Themen, die er mit schriftlichem Begleitmaterial ausstattet und in Zeitschriftenpublikationen verarbeitet. Zusätzlich veranstaltet er Führungen und Praktika für Lehrer. Er unternimmt mehr als 100 Reisen zu museums- und werkpädagogischen Vorträgen und Kursen. Die Sprache seiner mit der Volkskunde verbundenen Texte kann heutige Leser durchaus irritieren, da sie viele völkische Begriffe enthält, die in der deutschen lebensreformerischen und kulturkritischen Volksbildungsbewegeung üblich waren, im Gegensatz zur nationalsozialistischen Sprache aber keinen rassistischen Hintergrund hatten. So half ihm auch hier diese Sprache, im Nationalsozialismus zu überleben.
1940 Von nun an regelmäßige Treffen mit v. Moltke und v. Einsiedel u.a.
Alleine die Briefe Helmuth von Moltkes verzeichnen in den Jahren bis 1944 rund 50 Begegnungen zwischen Reichwein und v. Moltke. 
1941 Geburt seiner Tochter Sabine
"Hungermarsch durch Lappland" erscheint als Veröffentlichung. Im Juli erstmals zur Erholung in Kreisau auf dem Gut v. Moltkes.
1942 Zu Pfingsten Teilnahme an der ersten Tagung des  "Kreisauer Kreises" in Kreisau. Auf dieser Pfingsttagung Vorlage eines Arbeitspapiers Reichweins zu Schulfragen. Reichwein wird von der Gruppe zeitweise als ein Kandidat für den Posten des Kultusministers in einer Regierung nach Hitler gesehen. An der zweiten Tagung im Oktober nimmt Reichwein nicht teil. Er organisiert zu diesem Zeitpunkt Schulungskurse für Arbeitsdienstführerinnen in Schrimm/ Reichsgau Wartheland, Multiplikatorinnen für Kurse, die deutsche Neuansiedler mit Praktiken des deutschen Volkshandwerks vertraut machen sollen. "Festigung des deutschen Volkstums" nennen das die Nazis und verstehen darunter etwas ganz anderes als das, was Reichwein in den vorhergehenden Jahren mit seinen volkshandwerlichen Kursen und dem Werkunterrricht am Museum bewirken wollte. Hier, im Warthegau machten sich die Nazis seit 1939 schuldig an der Vertreibung und ab 1942 auch Vernichtung hunderttausender von Polen und Juden, die in das Generalgouvernement in Lager und Gettos ausgesiedelt wurden, um die ethnischen Verhältnisse vor den Versailler Verträgen wiederherzustellen. Dieses Geschehen wurde mehr oder weniger geheim abgewickelt und erst nach dem Kriege in vollem Umfang bekannt.
Reichwein übernimmt diese Schulungsaufgabe, obschon ihn Nazis um diese Arbeit gebeten hatten, in der Überzeugung, mit seinem Fachwissen Positives für die "volksdeutschen" Neuansiedler bewirken zu können.
 
1943 Seine Wohnung in Berlin-Südende, Seestraße 7 (heute Sohnreystraße, Steglitz), wird bei einem Luftangriff am 23. August zerstört. Die Familie siedelt nach Kreisau über, auf das Gut  von Moltkes. Vortragsreisen u.a. an die Ostfront und nach Paris. Pfingsttagung der Kreisauer. 
1944 Vortragsreise nach Dänemark. Ostern in Kreisau.
Am 21. Juni kommen York, Leber, Reichwein, Haubach, van Husen, Lukaschek und von Trott zu Solz zur Vorbereitung eines ersten Treffens mit der kommunistischen Widerstandsgruppe Saefkow/Jakob/Bästlein, das am Tag darauf in der Köpenicker Str. 76 stattfindet, zusammen. Es nimmt ein Spitzel,  Ernst Rambow, an dieser Besprechung teil, der die Mitglieder an die Gestapo verrät..

Reichwein wird am 4. Juli auf dem S-Bahnhof Berlin-Heerstraße auf dem Wege zu einem zweiten Treffen mit der Gruppe Saefkow durch die Gestapo verhaftet. Einlieferung in die Strafanstalt Brandenburg-Görden, im September in die Lehrter Straße und zum Prozess in  die Prinz-Albrecht-Straße. Reichwein wird während der Haft mißhandelt, um ihn zu belastenden Aussagen gegen andere Beteiligte zu zwingen. Am 25. September aus dem Beamtenverhältnis ausgestoßen. 

Am 20. Oktober findet im Saal des Kammergerichts in Berlin-Schöneberg, Potsdamer Str. 187, ab 8 Uhr die Verhandlung des "Volksgerichtshofs" unter Roland Freisler  gegen Reichwein, Leber, Maaß und Dahrendorf statt.

Adolf Reichwein,  Julius Leber und Hermann Maaß werden zum Tode durch den Strang verurteilt, Dahrendorf zu sieben Jahren Haft.

Adolf Reichwein wird mit Hermann Maaß am gleichen Tag in die Strafanstalt Berlin-Plötzensee gebracht und dort um 15.40 Uhr im sog. Hinrichtungsschuppen hingerichtet.


 
 
 
 
 

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  Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß Roland Freisler im Frühjahr 1945 bei einem Bombenangriff durch einen Balken erschlagen wurde. Ernst Rambow ist im gleichen Jahr von den Sowjets vehaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet worden.  
  Anm: Die durch Verknüpfung zugänglich gemachten Ausschnitte aus Briefen werden zitiert nach:
Adolf Reichwein: Pädagoge und Widerstandskämpfer : ein Lebensbild in Briefen und Dokumenten (1914 - 1944) / Gabriele C. Pallat, Roland Reichwein, Lothar Kunz (Hrsg.). Mit einer Einf. von Peter Steinbach. -  Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh, 1999 (siehe Bibliographie)
 
  Hans-Peter Thun